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Allein ein Blick auf unseren Frühstückstisch sollte genügen, um einmal über die Beziehung zwischen Geschlechtern, der Lebensmitteproduktion und dem Klimawandel nachzudenken. Was steht auf Ihrem Frühstückstisch? Vielleicht Kaffee oder Kakao? Schokocreme oder Bananen? Nun stellt sich die Frage, was alle diese Produkte gemeinsam haben. Genau! Sie alle werden nicht bei uns angebaut, sondern im Globalen Süden.

Doch von wem? Es wird davon ausgegangen, dass 60-80% der Lebensmittel von Frauen hergestellt werden, in Afrika sogar 90% der Grundnahrungsmittel. Das ist eine ganze Menge, doch es könnte sogar mehr sein, denn die erwirtschafteten Erträge von Frauen sind um 20-30% geringer als die von Männern. Das liegt keinesfalls an biologischen Voraussetzungen, wodurch Frauen weniger leisten könnten. Der Grund dafür ist, dass sie nicht den gleichen Zugang zu Ressourcen, wie Land, verbessertem Saatgut, Dünger oder Werkzeugen, aber auch Bildung und finanziellen Ressourcen haben.

Besonders der Erwerb von Land wird Frauen durch rechtliche und kulturelle Gegebenheiten erschwert, was ein großes Problem ist, denn mit dem Besitz von Land gehen Wohlstand, Status und Macht einher. Gleichberechtigung beim Erwerb von Land könnte das Ansehen und den Einfluss von Frauen steigern sowie die Gesundheit der Familie und Kinder verbessern, wie ein Projekt in Nepal gezeigt hat.

Sollten Frauen doch Land besitzen, so ist dieses meist kleiner und von schlechterer Qualität. Ein gleichberechtigter Zugang zu Ressourcen, könnte für Frauen bedeuten, dass sie ihre Erträge um bis zu ein Drittel steigern können. Da Frauen 43% der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte stellen, würden nicht nur die Frauen, sondern die gesamte Wirtschaft davon profitieren.

Was hat nun aber der Klimawandel damit zu tun? Nicht nur in der Landwirtschaft, auch durch den Klimawandel werden Frauen benachteiligt. An dieser Stelle muss abermals erwähnt werden, dass dies keine biologischen Gründe hat. Durch den Klimawandel werden schlichtweg bereits bestehende und gesellschaftlich konstruierte Geschlechterrollen weiter verstärkt.

So auch in der Landwirtschaft, einer der ohnehin am stärksten vom Klimawandel betroffenen Sektoren. Im Globalen Süden sind im Gegensatz zum Globalen Norden die Auswirkungen des Klimawandels schon deutlich spürbar. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geht davon aus, dass bis zum Jahr 2080 die landwirtschaftliche Anbaufläche in Afrika südlich der Sahara um mehr als ein Viertel schrumpfen wird. Das könnte zu massiven Verteilungskonflikten um Land führen und wie wir bereits erfahren haben, ist es für Frauen in dieser Beziehung schwer ihre Interessen durchzusetzen. Außerdem sind sie angesichts des hohen Anteils weiblicher Arbeitskräfte in der Lebensmittelproduktion stärker von klimabedingten Missernten und Qualitätsverlust der Ware betroffen. Damit ist die Lebensgrundlage vieler Frauen bedroht, mit zwei möglichen Folgen: Entweder die steigende Abhängigkeit von ihrem Mann oder die Verarmung der Frauen.

Allerdings macht sich der Klimawandel noch auf eine andere Art und Weise für Frauen im Globalen Süden bemerkbar. Meist ist es ihre Aufgabe lebensnotwendige Ressourcen wie Wasser oder Brennholz für die Familie zu beschaffen. Da es aufgrund des Klimawandels vermehrt zu Dürren und Waldbränden im Globalen Süden kommt, müssen Frauen weitere Strecken laufen, um an die Ressourcen zu kommen. Außerdem können sich Krankheiten durch Überschwemmungen und steigende Durchschnittstemperaturen besser verbreiten, weshalb Frauen zusätzlich noch mehr Zeit für unbezahlte Pflegearbeit aufbringen müssen. Diese durch den Klimawandel bedingte stärkere Belastung führt dazu, dass Frauen und junge Mädchen weniger Freizeit beziehungsweise Zeit für Bildung haben. Das macht es für sie schwerer in wichtige Positionen zu gelangen und an Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Somit auch wichtige Entscheidungen, die den Klimawandel betreffen, weshalb dieser wohl auch in Zukunft vorwiegend männlich diskutiert wird.

Natürlich können diese Probleme nur durch einen grundlegenden Systemwandel behoben werden, aber vielleicht können wir im Weltladen wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, damit Sie umweltfreundlicher und feministischer einkaufen können.

Unsere Händler wie beispielsweise die GEPA und El Puente achten nämlich verstärkt darauf Produkte von Produzierenden benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu beziehen, wozu natürlich in erster Linie auch Frauen gehören. Diese Produzierenden profitieren dann unter anderem von der Zahlung eines Preises, der über dem festgelegten Mindestpreis der FLO* liegt, sowie von Prämien und Zuschlägen. Mit diesem Geld werden unter anderem wichtige Projekte finanziert, wie die Ausstattung von Schulen oder der Bau von Straßen und Krankenhäusern. Einer der wichtigsten Vorteile für die Produzierenden ist aber, dass sie an Schulungen und Workshops teilnehmen können, die ihnen unter anderem vermitteln, wie sie angemessen auf die Folgen des Klimawandels reagieren können. Und da die meisten der Produkte biologisch angebaut werden, profitiert sogar die Natur davon.

Hoffentlich konnten wir Ihnen einen guten Einblick in die Problematik Geschlechterungerechtigkeit in der Lebensmitteproduktion des Globalen Südens geben, die durch den Klimawandel zusätzlich verstärkt wird. Falls Sie jetzt beschlossen haben, dass Sie demnächst lieber fair gehandelte Produkte von Frauen auf Ihrem Frühstückstisch haben möchten, dann schauen Sie gerne bei uns vorbei.

Stand Dezember 2020

 

*Fairtrade Labelling Organisation/Fairtrade ist der Dachverband aller nationalen Fairtrade-Initiativen. FLO entwickelt die Standards, nach denen das Fairtrade-Siegel vergeben wird. Auch drei kontinentale Produzierenden-Netzwerke sind im Verband vertreten. Im Gegensatz zur WFTO (World Fair Trade Organisation) liegt der Fokus auf der Produktzertifizierung und der Vergabe von Lizenzen. Ein Kern von Fairtrade ist die Festlegung eines Mindestpreises. 

 

Quellen:

Andersen, L., Verner, D., Wiebelt M. (2014), Gender and climate change in Latin America: An analysis of vulnerability, adaption and resilience based on household surveys, Institute for Advance Development Studies, letzter Zugriff: 05.11.2020

Bauriedl, Sybille (2019), Klimawandel, Migration und Geschlechterverhältnisse, in: Kurzdossier: Migration und Klimawandel, Bundeszentrale für politische Bildung, letzter Zugriff: 11.11.2020

BMZ (2020), Landwirtschaft und Klima, in: http://www.bmz.de/de/themen/klimaschutz/Landwirtschaft-und-Klima/index.html, letzter Zugriff: 11.11.2020

Borkenhagen, J., Burckhardt, G., Burmeister, M., Drillisch, H., Falk, G., Freitag, S., Köhler, G., Leifker, M., Luig, B., Mürlebach, M., Neuenroth, C., Pflüger, F., Randzio-Plath, C., Seitz, K. (2020), Geschlechtergerechtigkeit in globalen Lieferketten, wecf, letzter Zugriff: 11.11.2020

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GEPA (2019), gebana Togo, letzter Zugriff: 11.11.2020

GEPA (2020), COOPROAGRO, letzter Zugriff: 11.11.2020

Hahn, Martina/Herrmann, Frank (2019), Fair einkaufen - aber wie? Das Handbuch für fairen Konsum, 6. Auflage, Brandes & Apsel.