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Deswegen will das Lieferkettengesetz Unternehmen in Deutschland dazu verpflichten, entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette Menschenrechte und Umweltauflagen zu achten. Obwohl es einige Unternehmen (z.B. Vaude und Ritter Sport) gibt, die diesem Schritt zustimmen, wird insbesondere von Unternehmerverbänden wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) Kritik laut. Für sie ist eine unternehmerische Sorgfaltspflicht, die sich über die gesamte Lieferkette erstreckt und eine vorsorgende Risikoanalyse, Präventions- und Abhilfemaßnahmen beinhaltet, unmöglich zu erfüllen. Ebenso stemmen sie sich gegen eine zivilrechtliche Haftung für die Nichterfüllung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten. Aus dem jetzt von der Regierung verabschiedeten Entwurf wurde die zivilrechtliche Haftung nun auch auf Druck des Bundeswirtschaftsministeriums entfernt. Ebenso wurde die Reichweite der Sorgfaltspflicht weitestgehend auf den ersten Zulieferer beschränkt.

Für die Erfüllung von Sorgfaltspflichten gibt es eigentlich Fachabteilungen, die im Rahmen von Compliance (Regeltreue der Unternehmen) und Due Diligence (Sorgfaltspflicht) die jeweiligen Lieferantenangaben validieren und gegebenenfalls extern verifizieren lassen müssen. Tatsächlich ist dies oft, insbesondere in Ländern des Globalen Südens und der IT-Branche, schwierig. So verlief beispielsweise die Spur vieler Produktteile und Rohstoffe in der Lieferkette von Computermäusen des Unternehmens Nager IT in Ländern des Globalen Südens im Sand. Nager IT versucht seit 2009 Schritt für Schritt zu einer fairen Computermaus zu gelangen.

Lösung: Blockchain-basierte Lieferketten

Um aber ein wirksames Lieferkettengesetz einführen zu können, muss die großflächige Nachverfolgung möglich sein. Neben den Compliance-Fachabteilungen eröffnet dabei die Verschlüsselungstechnologie Blockchain neue Möglichkeiten. Sie ist vor allem über die Krypto-Währung Bitcoin bekannt, wird aber auch schon beispielsweise von Audi und Maersk zur Erhöhung der Sicherheit und Transparenz ihrer Lieferketten genutzt.

Ihre zentralen Eigenschaften sind dabei erstens die Rückverfolgbarkeit aller Produktteile vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt, und zweitens die Übermittlung von ausschließlich verschlüsselten Daten, wodurch die Wahrung von z.B. Betriebsgeheimnissen garantiert ist. Drittens sind einmal eingelesene Daten unabänderlich und weltweit dezentral auf Servern gespeichert, wodurch die Lieferketten nicht nachträglich geschönt werden können.

Die Eigenschaften erreicht die Blockchain dadurch, dass jeder Block Daten, z.B. über eine Transaktion, enthält. Transaktionen werden in der Produktions- und Lieferkette verifiziert und kryptographisch verschlüsselt. Das Ergebnis der Verschlüsselung ist der sog. „Hash“. Nur dieser Hash wird an den nächsten Block weitergegeben. So enthält jeder Block 1.) den Hash des vorigen Blocks, 2.) die eigenen, nicht einsehbaren Daten und 3.) den Hash dieser Daten. So bilden die einzelnen Blocks eine nur vom jeweils letzten Block einseh- und veränderbare Kette. Sollte sich in einem mittleren Block etwas ändern, z.B. weil ein Zulieferer gewechselt wurde, verändert sich der Hash des Blocks. Dadurch deckt sich dieser nicht mehr mit dem vorigen Hash des nächsten Blocks, woraufhin die Blockchain einen Fehler meldet und der veränderte Block als Fremdkörper deaktiviert wird.

Anwendung in der Praxis: Das Projekt „SustainBlock“

Wie die Anwendung einer Blockchain-basierten Lieferkette in der Realität funktionieren kann, zeigt das bis Mai 2019 gelaufene Projekt „SustainBlock“. Das Ziel des Projekts in der Großen-Seen-Region in Afrika ist die Überprüfung und Bewertung der Rohstofflieferkette von sog. Konfliktrohstoffen, deren Abbau oft mit bewaffneten Konflikten und weiteren Menschenrechtsverletzungen einhergeht. Zu diesen Rohstoffen werden Zinn, Tantal, Wolfram, deren Erze (Coltan ist z.B. ein Tantal-Erz), Gold und Kobalt gezählt.

Im Auftrag der European Partnership for Responsible Minerals (EPRM), einer Multi-Stakeholder-Initiative, zu der unter anderem Technologiefirmen wie Apple, Fairphone, HP und Intel zählen und die bessere soziale und wirtschaftliche Bedingungen für Minenarbeiter und lokale Bergbaugemeinschaften schaffen wollen, erarbeitete die Reutlinger IT-Firma iPoint-Systems ein Blockchain-basiertes Lieferkettenrückverfolgungssystem. Ein Partner und Auditor vor Ort setzte dafür direkt zu Beginn der Lieferkette, nämlich beim Schürfen, ein auf Markierungen und Scans basierendes Rückverfolgungssystem ein, das den späteren Datenabgleich zulässt. So soll unethischen Quellen der Marktzugang erschwert werden. „Indem unsere Lösung die komplette Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe von Anfang bis Ende erfasst“, so der Projektleiter Sebastian Galindo, „kann sie auch einen Beitrag dazu leisten, ethisch unbedenkliche, nachhaltige Praktiken und Verhaltensweisen entlang der Wertschöpfungsketten zu unterstützen.“

Letztlich ist diese Nachverfolgbarkeit vor allem auch entscheidend für die Frage der Unternehmenshaftung bei Klagen - die Voraussetzung für ein wirksames Lieferkettengesetz. In Anbetracht der Möglichkeit, Lieferketten schon heute mit einem Blockchain-basierten Rückverfolgungssystem auszustatten, erscheint diese Verantwortung auch durchaus zumutbar.

Stand März 2021

 

Wie schneiden Technologieunternehmen in Sachen Umweltschutz ab?:

Guide to Greener Electronics: Greenpeace USA hat 17 Technologieunternehmen befragt und auf ihre Umweltverträglichkeit untersucht, Studie von 2017.

 

Quellen:

Gemeinsame Pressemitteilung von BDI, BDA und DIHK anlässlich der Diskussion um ein nationales Lieferkettengesetz vom 03.09.2020.

Artikel zur Lieferkettengesetzdebatte: Wirtschaft und Regierung streiten über Lieferkettengesetz, Zeit Online, 19.07.2020.

Initiative Lieferkettengesetz: Entwurf für Lieferkettengesetz: Anreiz zum Wegschauen statt präventiver Menschenrechtsschutz, 01.03.2021

Initiative Lieferkettegesetz: Rechtliche Stellungnahme zum Regierungsentwurf „Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten“, Fassung vom 19.03.2021

Verwendung von Blockchain in der Lieferkette: Knüpffer, Gunnar: Blockchain: So wird die Supply Chain transparent, Produktion, 18.04.18

Bericht über SustainBlock: iPoint-systems: Wie die Blockchain Menschenrechtsverstößen auf die Spur kommt, in: Global Compact. Netzwerkt Deutschland.

Anschauliches Erklärvideo zur Blockchain (Englisch)

Versuch von Nager IT, ihre Lieferkette transparent zu machen: Nager IT